São Paulo - dieses wunderbare Chaos, oder ein ganz gewöhnlicher Tag in São Paulo. São Paulo - Stadt der Zukunft oder das Ende der Stadt ? Wirklichkeit oder Surealität? Chaotische Struktur oder strukturiertes Chaos?

Wie kann man diese
Megalopolis auf einer Fläche mit rund 80 km Durchmesser auf dem Sprung ins 21. Jahrhundert beschreiben und einordnen?

Hütte und Wolkenkratzer, täglicher Überlebenskampf und unermeßlicher Reichtum, Moderne und Kolonialität, kulturell und multikulturell, Metropole der Kontraste!

Autos, Autos, und noch mehr Autos.......
5 Millionen Fahrzeuge und 18 Millionen Menschen drängeln sich tagtäglich in den ca. 50.000 zumeist hoffnungslos verstopften Straßen, in einem nicht enden wollenden pulsierenden Rhythmus. 12.000 Busse und eine effektive aber zu kleine Metro von 50 km Gesamtlänge befördern 10 Millionen Menschen zwischen ihren Wohn- und Arbeitsplätzen. Stadt der Superlative.

São Paulo gehört heute mit seinen rund 18 Millionen Einwohnern zu den drei größten Städten der Welt. Zusammen mit Buenos Aires bildet São Paulo das ökonomische Herz in dem seit 1993 bestehenden
Mercosul, einem wirtschaftlichen Zusammenschluß von Brasilien, Argentinien, Chile, Uruguay und Paraguay. Unzählige multinationale Unternehmen, darunter allein 1.000 deutsche Unternehmen machen São Paulo zu einem der bedeutendsten internationalen Wirtschaftsstandorte weltweit.

Bis Mitte des 19. Jahrhunderts fristete die Stadt ein äußerst bescheidenes Dasein. Dann jedoch wurde die im 16. Jahrhundert gegründete Stadt zum Zentrum des internationalen Kaffeehandels. Die geografisch günstige Lage auf einem Hochplateau in ca. 800 m Höhe, begünstigte diese Entwicklung. Das gemäßigte Klima lockte Immigranten in Scharen aus Europa an. Auf den Kaffeeboom erfolgte eine rasche Industrialisierung. Der Ausbau São Paulos zum führenden
Industrie- und Wirtschaftszentrums Lateinamerikas bewirkte eine explosive und unkontrollierte Stadtexpansion. Diesmal erfolgte die Immigration hauptsächlich aus den bis daher unterentwickelten Gebieten Nordbrasiliens. 1870 hatte die Stadt erst 30 000 Einwohner, um die Jahrhundertwende waren es schon 300.000, 1950 schon 2 Millionen, danach versechsfachte sich die Einwohnerzahl in nur 30 Jahren auf über 12 Millionen zu Beginn der 90 iger Jahre. Bis 1990 kamen schließlich noch einmal 6 Millionen neuer Einwohner hinzu.

Das dramatische
Stadtwachstum von 7 - 8 % in den 50 iger Jahren, ist in der Zwischenzeit deutlich zurückgegangen, Migration und Immigration halten sich heute die Waage, allerdings wächst die Agglomeration aus 38 Munizipien durch Geburtenrate immer noch um 200.000 Menschen pro Jahr.

Die Dynamik durch den ungeheuren Bevölkerungsdruck in der 2. Hälfte dieses Jahrhunderts bewirkte eine explosive
unkontrollierte Stadtexpansion. Die Planung konnte mit dieser Entwicklungen nicht mithalten. Buchstäblich über Nacht entstanden an der Periferie unzählige irreguläre Siedlungen ( Loteamentos irregulares ) und illegale Siedlungen ( Favelas ). So erstrecken sich heute rund um ein hochverdichtetes Zentrum weitläufige zersiedelte Periferien mit geringer urbaner Infrastruktur. Das informelle Bauen ist für einen großen Teil der Bevölkerung São Paulos die einzige Möglichkeit an Wohnraum zu kommen. Nicht nur die unadequate Wohnsituation seiner Bevölkerung, sondern unzählige ökologischen Probleme haben die Verantwortlichen in die Verantwortung gezogen, über neue Formen der Urbanität nachzudenken. Mit einer starken Eigendynamik verändert und erneuert sich São Paulo alle 20 Jahre.

Das Stadtwachstum in São Paulo ist heute nahezu stehengeblieben. In einer unglaublichen Geschwindigkeit entstehen jedoch immer neue Megacities auf der Erde. Wird es bald Städte mit 50 Millionen Einwohnern oder mehr geben. Gibt es denn ein
physisches Limit der Stadt ? Vor allem in Asien, in Ländern mit schnellem wirtschaftlichen Aufschwung kann man sich solche Gebilde vorstellen. Im Gegensatz zu den vergangenen Jahrhunderten, welche vom Städtebau in Europa und Nordamerika geprägt waren, so werden es im nächsten Jahrhundert die Städte in den sogenannten Schwellen- oder Entwicklungsländern sein.

Kunst im Untergrund

Die Metro in São Paulo

Die größte Stadt Lateinamerikas hat ein unzureichendes Metronetz: Ein Ballungsraum zehnmal größer und mit zehnmal mehr Menschen als Hamburg verfügt heute nur über 50 km U- Bahn. Die Nachzügler - Rolle São Paulos wird verständlich, wenn man bedenkt, daß die Stadt um die Jahrhundertwende erst 300.000 Einwohner zählte. Mitte der sechziger Jahre, als São Paulo mit der
Planung der U- Bahn begann, waren es schon 5 Millionen Einwohner, um die Jahrtausendwende sollen es über 18 Millionen sein.

Dieses rasante Wachstum, dessen Ursachen in der Migration der verarmten Landbevölkerung aus den unterentwickelten Gebieten im Nordosten von Brasilien liegen, konnten die Stadtplaner alleine nicht bewältigen. Bereits in den siebziger Jahren wurde in São Paulo der Grenzwert für Kohlendioxid im Jahresmittel nur an einem Wochentag nicht überschritten, und täglich geraten hier durch Industrie und Verkehr 7000 t Schadstoffe in die Luft. Pro Einwohner gibt es gerade 3 m
2 Grünfläche. Wer sich in São Paulo vernünftig bewegen möchte ist noch immer auf Automobile angewiesen: Das Verkehrsaufkommen ist so hoch, daß die Stadt heute auf regulierende Begrenzungen zurückgreifen muß. 5 Millionen Autos gibt es in der Stadt, in ihnen werden 50 Prozent aller Fahrten zurückgelegt; 40 Prozent des Verkehrsaufkommens übernehmen 12.000 städtische Busse.

Die Metro hält mit 2,1 Millionen Passagieren täglich einen Anteil von nur 10 Prozent. Die Tendenz ist jedoch steigend und die Akzeptanz groß, denn die U- Bahn gilt als
schnell, sauber und sicher, was übrigens auch im weltweiten Vergleich stimmt. Die Stationen der Metro erleichtern den Passagieren die Orientierung durch eine große konstruktive Klarheit und einfache räumliche Zusammenhänge. Während die Stationen der Nord - Süd Linie ( Anfangs von Hoch Tief errichtet ) noch als vollkommen abgeschlossene Systeme mit künstlichem Luftaustausch entstanden, wurde in der Ost - West Linie die natürliche Ventilation zur Regel. So kamen architektonisch einzigartige Durchdringungen von Innen- und Außenraum mit großen bepflanzten Innenhöfen zustande.

Da die Stationen fast ohne Zutat von Design in Sichtbeton belassen wurden, geriet die Initiative eines ehemaligen Bürgermeisters zum großen Erfolg: Seit etwa 10 Jahren stellen
zeitgenössische Künstler in den Stationen aus. Auf Dauer oder temporär, erreichen die Kunstwerke hier auch diejenigen, die nicht zum traditionellen Publikum von Museen oder Ausstellungen zählen. Die dritte Metrolinie verläuft unter der Avenida Paulista, dem wichtigsten Banken- und Geschäftszentrum Lateinamerikas. Langfristig soll das Streckennetz auf fünf Linien mit über 100 km ausgedehnt werden. Pro Jahr entstehen derzeit im Schildbetrieb 2 km pro Baustrecke (für jeweils 80 Millionen US $). So wird sich der Ausbau noch weit bis ins nächste Jahrhundert hineinziehen. Einstweilen verkehren die ca. 100 Metro- Züge ständig an der Grenze ihrer Kapazität: Zur Hauptverkehrszeit befördern sie im 50 Sekundentakt bis zu 8 Fahrgäste pro m2.

Text und Bilder Claus Bantel